Sommernachlese: Dänische Südsee, Samsø und Aarhus

Allem Corona-Ärger zum Trotz war es im letzten Sommer möglich, zumindest mit einer Gruppe auf See zu gehen. Teamkollegen des Jugendbildungsprojektes „Klimasail“ (www.klar-zur-wende.org) waren gemeinsam zwei Wochen auf dem Holländischen Segelschiff „Jantje“ in der dänischen Südsee unterwegs. Während ich sonst mit einem Teamkollegen und seemännischer Besatzung gemeinsam eine seglerisch und in Klima und Gerechtigkeit nicht unbedingt vorgebildete Gruppe betreue, haben wir hier nun mit 15 motivierten, seglerisch und inhaltlich erfahrenen Leuten Methoden überarbeitet, Inhalte diskutiert. Für alle an Bord eine große Bereicherung. Mit angehenden Politikwissenschaftlern, Biologen und Geographen gemeinsam zu reisen, ist für die Diskussionen und Denkanstöße gleich viel spannender, da aus jedem Themenbereich Experten dabei sind. Doch jetzt möchte ich euch mitnehmen an Bord.

Breslau – europäisches Jugendtreffen

Von Taizé in Frankreich habe ich euch ja schon einige Mal erzählt. Einem Ort, in dem Jugendliche der ganzen Welt Gemeischaft erleben und sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Die Kommunität von Taizé, die Ordensbrüder, die dort leben, initiieren aber auch immer wieder andere große Jugendtreffen im Rahmen des „Pilgerweg des Vertrauens“. Seit Jahrzehnten gehört dazu das europäische Jugendtreffen rund um den Jahreswechsel: Fünf Tage, geprägt von Tageszeitengebeten wie in Taize, Gottesdiensten und Diskussionen in den gastgebenden Kirchengemeinden. Fünf Tage gelebte Gastfreundschaft, wenn tausende Jugendliche in Gastfamilien untergebracht sind. Workshops und Diskussionen von theologischen Themen bis zu Geschichte, Politik und Gesellschaft. In diesem Jahr hat uns dieses Jugendtreffen nach Breslau verschlagen. Die Stadt ist geprägt von Kirchen in Backsteingotik und erinnert so etwas an Hansestädte wie Lübeck und Wismar:

Breslau – im polnischen Wroclaw – ist auch der Geburtsort des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im dritten Reich für sein Eintreten für Menschlichkeit hingerichtet wurde, wie auch der Ordensschwester Teresia Benedicta vom Kreuz, die als Edith Stein als Tochter einer jüdischen Familie in Breslau aufwuchs, in Schulzeiten erst zu einer sehr kritischen Atheisten entwickelte. In ihrem Lehramtsstudium las Edith Stein schließlich die Autobiographie von Teresa von Avila, die sie motivierte, sich dem Christentum zuzuwenden. Als die Nationalsozialisten ihr als geborene Jüdin ein weiteres Lehren unmöglich machten, trat sie in den Karmel Maria vom Frieden in Köln ein und nahm den Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz an. Auch der Umzug in ein Karmel bei Echt in den Niederlanden konnte sie letztendlich nicht vor einer Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahren. Das Jugendtreffen hat sich in einigen Workshops direkt mit der theologischen Arbeit dieser beiden Theologen beschäftigt. Darüber hinaus ist das gesamte Bestreben der Jugendtreffen auf dem Pilgerweg des Vertrauens davon getragen, dass die Gemeinschaft, wie der christliche Glaube sie beschreibt und das christliche Bild vom Mitmenschen jeder Religion als Ebenbild Gottes über Grenzen von Staaten, Sprachen, Konfessionen und Religionen junge Menschen ins Gespräch bringt, Vertrauen gewinnen lässt, und motiviert, sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

sehr spannend fand ich ein „Stadtviertel der Ökumene“: In der Innenstadt gibt es ein Viertel, indem nur wenige Fußminuten eine Synagoge, eine evangelische, eine katholische und eine russisch-orthodoxe Kirche trennen. Nach einem Vorfall vor 20 Jahren, als ein Mann einen Stein in ein Synagogenfenster warf, die strenggläubigen Gemeindemitglieder ihn zwar festhalten konnten, aber aufgrund der Schabbat-Vorschriften weigerten, ein Telephon am Feiertag zu benutzen, rückten diese vier Gemeinden enger zusammen: Neben Diskussionsveranstaltungen, monatlichen gemeinsamen Veranstaltungen in der gemeinsamen Jugendarbeit und regelmäßigen gegenseitigen Besuchen wurde inzwischen ein Projekt entwickelt, in dem Schulkinder durch diese Gemeinden geführt werden, um die verschiedenen Religionen und Konfessionen kennen zu lernen. Ein Projekt, das ein Zeichen der Hoffnung ist in einer Welt, die sich immer mehr auf Abgrenzung fokussiert. Auf „Wir“ und „Die“. Das nehme ich mir aus diesem Besuch auf jeden Fall mit: Mit offenen Augen auf die Gemeinschaften in meiner Umgebung zugehen.

Zu guter letzt noch ein paar kleine Impressionen aus der Innenstadt:

Stellungnahme der Sächsischen ESGn zu den anstehenden Wahlen

Ich möchte hier einen Text veröffentlichen, den ich gemeinsam mit anderen Brüdern und Schwestern der evangelischen Studierendengemeinden Sachsens anlässlich der anstehenden Wahlen formuliert habe:

Stellungnahme der Sächsischen Evangelischen Studierenden- gemeinden zu den Wahlen 2019:


In diesem Jahr finden Kommunal-, Landtags- und Europawahlen in Sachsen statt. Für die Evangelischen Studierendengemeinden (ESG) in Sachsen bedeutet das eine verstärkte Auseinandersetzung mit politischen Themen, die wir kontrovers diskutieren.

Dabei beobachten wir in der Gesellschaft einen immer rauer werdenden Ton. Respekt gegenüber unseren Mitmenschen, egal ob dem Wohnungslosen, der Professorin, dem Nachbarn, der Flüchtlingsfamilie, der Kollegin etc. ist wichtig für eine funktionierende Gesellschaft. Eine Entsprechung dazu sehen wir in der christlichen Nächstenliebe, die für unser Reden und Handeln maßgeblich ist. Daraus folgt für uns, dass das Schüren von Hass, Anwendung und Androhung von Gewalt und Ignoranz gegenüber Hilfsbedürftigkeit nicht akzeptabel sind.

Wir versuchen, unser Leben durch diese Nächstenliebe bestimmen zu lassen. Das ist für uns Gottesdienst im Alltag. Aber auch wir bekennen, dass wir selbst oft daran scheitern.

Umso mehr ist die Nächstenliebe bei den kommenden Wahlen für uns ein entscheidendes Kriterium. Sie bedeutet für unser politisches Handeln Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Wir setzen uns ein für einen gewaltfreien, respektvollen Diskurs.

Wir stehen auf gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Wir setzen uns ein für freie Bildung, Lehre und Forschung, denn nur so ist ein faktenbasierter Austausch möglich.

Wir stehen auf gegen eine Leugnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wie die des menschengemachten Klimawandels, unter dessen Folgen Menschen in anderen Teilen der Welt bereits heute leiden.

Wir stehen auf gegen eine Leugnung oder Umdeutung historischer Geschehnisse wie der Shoah und anderer Verbrechen der NS-Herrschaft.

Wir wehren uns gegen eine Instrumentalisierung von Religion als Mittel der Ausgrenzung.

Darum setzen wir uns ein für die freiheitliche Demokratie, die Raum zur aktiven Mitgestaltung bietet. Deshalb gehen wir wählen und rufen auf, wählen zu gehen.

Diese Stellungnahme wurde vom Konvent der sächsischen ESGn am 13.04.2019 beschlossen.

Konvent der Sachsen-ESG

sachsen-esg[bei]esg-dresden.de

Den Text gibt es auch hier herunter zu laden.

„Suche den Frieden“

„Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Ps 34,15) Über diesen Bibeltext, der die Jahreslosung für 2019 ist, haben wir am letzten Wochenende mit Studenten aus ganz Sachsen nachgedacht, diskutiert und Gemeinschaft im Zeichen dieses Friedens gelebt.

Was bedeutet „Frieden“? Ist es die bloße Abwesenheit von Krieg? Oft genug hört man „Um des lieben Friedens willen“ solle man Ruh‘ geben. Ist das der Frieden, von dem in der Bibel die Rede ist?

Wenn man die Verse vor und hinter dieser Jahreslosung betrachtet, wird ein anderes Bild von Frieden gezeichnet: „Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche den Frieden und jage ihm nach!“ Die folgenden Verse handeln dann vom Leid, dass der Gerechte erfahren wird.

Das klingt nicht nach einer Ruhe „um des lieben Friedens willen“. Das klingt danach, das der Frieden nicht der leichte Weg ist und schon gar nicht konfliktfrei. Schon alleine die Aufgabe, keinen Trug zu reden, wird Einen auf der Suche nach Frieden anecken lassen. Frieden ist hier also mehr mit der Wahrheit, als mit einfacher Ruhe, verknüpft. Lasst mich aus diesen Beobachtungen einen Versuch machen, den Begriff „Frieden“ wie er hier genutzt wird zu definieren:

„Frieden“ ist ein Beziehungsrahmen, der den Widerstreit widersprüchlicher (subjektiver) Wahrheiten erträgt in einem Respekt vor dem Gegenüber als Geschöpf Gottes. In den Widersprüchen in der Wahrnehmung lässt er uns nach der gemeinsamen Wahrheit dahinter suchen.

Jetzt werdet ihr vielleicht sagen: „In der Position von XY ist kein Funken Wahrheit“. Dennoch möchte ich versuchen, mit diesem XY zu reden. Was ist das Gemeinsame (richtige) was sich dahinter verbirgt? Keine noch so abstruse Position wird ohne einen realen Grund zustande kommen. Um diesen zu finden, müssen wir zunächst mal den Gegenüber unabhängig von seiner Meinung als Gegenüber und Menschen akzeptieren.

So stehen lassen muss man deswegen „Fake news“ und unmenschliche Meinungen nicht: Ein Widerspruch um der Wahrheit Willen ist nötig und angebracht.

Das mag für uns die größte Herausforderung sein: In den aktuellen Zeiten mit dem Mitmenschen, dessen Meinung von Hass und Unmut geformt wurde, eine Beziehung aufbauen, in der ein Streit möglich ist, der aber im Rahmen dieses Friedens bleibt.

Ich möchte mich daher für die Unterstützung der Bewegung „Aufruf 2019“ stark machen. Ein Bündnis aus der oft zitierten Mitte der Gesellschaft versucht in Leipzig, Menschen zum Mitgestalten eines gerechten und gastfreundlichen Sachsens in einem friedlichen Europa aufzurufen. Sich über Inhalte zu streiten, um Deutschland voranzubringen und Probleme zu lösen, statt Sündenböcke zu suchen.

Link zu Aufruf 2019 hier: https://aufruf2019.de/aufruf/